Ideologie im 21. Jahrhundert

Karpfen, 25. September 2017

Mathias Hebler und die "reine" Lehre

Der aus ärmlichen Verhältnissen aus Karpfen (slowakisch: Krupina) in der südlichen Mittelslowakei stammende Mathias Hebler studierte seit 1546 Theologie in Wittenberg, wurde 1551 Lehrer und 1553 Rektor der Lateinschule in Hermannstadt, um dann nach seine Ordination durch Bugenhagen in Wittenberg (1553) als Prediger und 1555 als Stadtpfarrer in Hermannstadt in den Pfarrdienst zu treten. 1556 wählte ihn die Synode der "Ecclesia Dei nationis Saxonicae" zum Superintendenten, als welcher er 1558 durch die Regentin von Ungarn, Königin Isabella, bestätigt wurde. Hebler war somit - nach Paul Wiener- der zweite Bischof seiner Kirche und festigte das Ansehen seinen Amtes. In seine Zeit fällt der Landtag zu Thorenburg (1557), der die Toleranz beschlossen hat.

 

Ebenfalls in diese Zeit fällt auch die Trennung in zwei lutherische Superintendenturen, eine sächsische, mit ihm als Bischof und eine ungarische, mit dem Klausenburger Franz Davidis an der Spitze. Da letzterer sich dem helvetischen Bekenntnis zuwandte, sah sich Hebler veranlasst politisch und theologisch für die Augsburger Konfession einzutreten. Aus diesem Grund verfasst er 1561 die Schrift "Brevis Confessio", welche die Trennung zwischen "Evangelischen" und "Reformierten" einläutete. Die Ungaren entschieden sich auf der Synode von Enyed (1564) für das Helvetische Bekenntnis. Auch nach diesem Zeitpunkt - wie etwa auf der Disputation der Gelehrten beider Konfessionen zur Christologie (Weissenburg 1568) - spielte Hebler eine hervorragende Rolle. Kurz nach seinem Tode (1571) sollte dann, 1572, die Synode der Siebenbürger Sachsen das Festhalten an der Augsburger Konfession bestätigen und damit einen Prozess zu Ende bringen.

 

Bild: historische Darstellung der Zips

Geschichte und Ideologie

Nur ein Jahrzehnt lang hat sich die Meinung halten können, die heutige europäische Gesellschaft sei mit dem Fall des Kommunismus aus dem Zeitalter der Ideologien heraus und in einer indeologiefreien - weil pragmatisch - pluralen Gesellschaft angekommen. Mit dem Aufkommen unterschiedlicher Formen von radikalem und militanten Islam - welcher seinerseits Islamophobie auslöste - sind überwunden geglaubte Spannungen wieder da. Die Flüchtlingswelle über die Balkanroute, die das Nord - Süd Gefälle auf einmal auch für den normalen Bürger hat sichtbar werden lassen, wurde von vehementen Auseinandersetzungen in der Gesellschaft begleitet, die "Werte" zum Inhalt oder zum Vorwandt hatten. Die Unruhen am Ostrande Europas, auf der Krim, im Donezkbecken, in Transnistrien, machen ebenfalls deutlich, dass Pragmatismus kein wirkliches Mittel zur Neutralisierung von nationalistischer Ideologie ist; auch heute nicht. Begriffe wie Demokratie,  Vernunft, Menschenrechte oder Ökumene sind nicht von sich auch selbstverständlich und müssen erhalten werden. Sie können aber auch ihrerseits selbst zu Ideologien werden.

 

Die philosophische Ideologiekritik - von Karl Popper bis Theodor Adorno - wird sich neu besinnen müssen, wie mit Ideologie umzugehen ist, da diese für Gesellschaften konstitutiv zu sein scheint. Eine Überwindung gibt es nicht, sondern nur einen Wandel. Ideologie äußert sich nicht mehr wie in der Reformationszeit durch Begriffe wie  "Schwärmer" oder "Papisten", auch nicht wie im 20. Jahrhundert durch Gegenüberstellung von "Kommunisten" und "Kapitalisten". Doch jede Gesellschaft sucht für sich Elemente der Integration und Legitimation, die von anderen eben nicht mitgetragen werden, ja verfehlt angesehen werden. Wie gehen wir damit um?

 

Bild: Denkmal des rumänischen Helden Avram Iancu vor der Orthdoxen Kathedrale Klausenburg

Nein, Karpfen liegt nicht in der Zips!

Aus vier Richtungen kamen die Gäste nach Karpfen in die Slowakei, um dort Mathias Hebler zu gedenken, der die ideologischen Auseinander-setzungen des 16. Jh. in Siebenbürgen moderierte hatte. Sie kamen aus München, Hermannstadt, Nadlak und Michelsberg. Und die meisten kamen mit der gängigen Vorstellung, dass Karpfen (Krupina) in der Zips liegen würde. Dieser Name ist in Siebenbürgen wohlbekannt und verwurzelt. Aber nein: Karpfen liegt nicht in der Zips, sondern gehört zu den "7 oberungarischen Bergstädten". Somit lernten die Gäste, die deutschen Siedlungsgebiete der heutigen Slowakei differenzierter zu betrachten. 

In Karpfen wusste man hingegen wenig mit Mathias Hebler anzufangen und war überrascht, dass ein Landsmann Bischof in Siebenbürgen geworden war. Dafür war Rumänien anderswie stark präsent. Jährlich am 3. März gedenkt die Stadt 43 gefallener rumänischer Soldaten, die bei der Befreiung Karpfens, 1945, ihr Leben verloren haben. Es wird bei der Gelegenheit unterstrichen, dass es nicht die russische sondern die rumänische Armee war, die direkt an der Front stand.  So war auch die rumänische Botschafterin aus Pressburg, Steluța Arhire, bei der Veranstaltung für die lokale Presse der Star. Sie erhielt vom Bürgermeister rote Rosen. Etwas überrascht war die Gastgeberin, die evangelische Gemeinde Krupina, dass mitten in der Woche dann über hundert Leute zur Kirche fanden. Es predigte Bischof Reinhart Guib (Hermannstadt). Die Predigt lag in slowakischer Übersetzung aus. Die Liturgie übernahm der Ortspfarrer Miroslav Dubek. In der Abenddämmerung wurde darauf das Apfelbäumchen - mit einem Begleitwort von Stefan Cosoroaba - in dem Hof des nahen Altenheims gepflanzt. Zurück  in der Kirche - der angedachte Vortragssaal erwies sich als zu klein - führte Prof. Dr. Hermann Pitters (Hermannstadt) die Anwesenden in das Wirken des Mathias Hebler ein. Generalbischof Milos Klatik (Pressburg) sprach darüber, wie sich seine Kirche in den ideologischen Auseinandersetzungen der Gegenwart behauptet. Schließlich stellte Prof. Dr. Konrad Gündisch (München) einen historischen Vergleich - zwischen der Entwicklung von Karpfen und Hermannstadt - auf, der alle überzeugte. Nach getaner Arbeit freuten sich die Gäste an den Karpfener Brötchen, die Gastgeber an dem Siebenbürger Wein und alle an der Michelsberger Hanklich. 

 

Somit konnten alte Fäden neu gesponnen und lange verschüttetes Wissen wieder aufgefrischt werden. Einen besonderern Dank verdient Pfarrer Dusan Vanko, von der evangelischen Gemeinde Nadlak, der überall vermittelte und übersetzte.

 

Die Aktion wird von der Evangelischen Kirche A.B. in der Slowakei mitorganisiert und mitgetragen.

Die Stationen des Jahres 2017 werden von dem Freistaat Bayern, durch das Haus des Deutschen Ostens, München, gefördert.

Bild: Moment der Baumpflanzung im Altenheim Krupina. Foto: Hasegan